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Directory Of Year 1978, Issue 2
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Erinnerung an meine Mutter

Year:1978 Issue:2

Column: Artikel

Author: Von Tschu Teh

Release Date:1978-03-01

Page: 12-14

Full Text:  


Dieser Artikel erschien zum ersten Mal am 5. April 1944 in der Jie Fang Ri Bao (Zeitung der Befreiung) in Yenan. Wir veröffentlichen ihn noch einmal zur Erinnerung an seinen Autor Genossen Tschu Teh (1886-1976), einen großen revolutionären Kämpfer unseres Volkes und proletarischen Revolutionär, einen ausgezeichneten Leiter unserer Partei, unseres Staats und unserer Armee.
— Die Red.


Ich war sehr traurig, als ich erfuhr, daß meine Mutter gestorben war. Ich liebte meine Mutter, die ein sehr arbeitsreiches Leben hatte. Vieles von ihr werde ich ewig im Gedächtnis behalten.

Meine Familie war eine Pächterfamilie. Unsere Vorfahren kamen aus Schaoguan in der Provinz Kuangtung. Später war sie nach Hsinantschang im Kreis Yilung der Provinz Szetschuan übergesiedelt. Wir mußten Generation für Generation für Gutsbesitzer schuften und lebten trotzdem in kärglichen Verhältnissen. Alle unsere Freunde waren auch gewöhnliche redliche Bauern.

Meine Mutter hat dreizehn Kinder geboren, aber meine Familie war zu arm, um alle Kinder zu ernähren. Nur die ersten acht Kinder behielt man schließlich, die später geborenen wurden ertränkt[注释1]. Meine Mutter war darüber todunglücklich. Zum anderen war sie vollkommen ratlos! Für uns acht sorgte sie allein. Da sie aber sowohl den Haushalt führen, als auch auf dem Feld arbeiten mußte, hatte sie kaum Zeit für uns und ließ uns einfach auf dem Boden krabbeln.

Mutter war eine tüchtige Bäuerin. Soweit ich zurückdenken kann, stand sie immer vor dem Morgengrauen auf. In meiner Familie gab es über 20 Personen. Die Frauen mußten abwechselnd das Essen kochen, jede immer ein Jahr lang. Meine Mutter sollte außerdem Melonen und Gemüse anpflanzen, Schweine füttern, Seidenraupen züchten und Baumwollgarn spinnen. Weil sie groß und kräftig war, konnte sie auch mit der Tragstange Wasser und Mist tragen.

Mutter war jeden Tag sehr beschäftigt. Als wir vier oder fünf Jahre alt waren, halfen wir ihr schon. Mit acht oder neun konnten wir nicht nur Lasten mit der Tragstange oder auf dem Rücken tragen, sondern auch schon Feldarbeit machen. Immer, wenn ich aus der Dorfschule kam, kochte Mutter schweißbedeckt das Essen. Dann legte ich schweigend die Schulbücher hin, trug Wasser herbei oder hütete die Rinder. Gewöhnlich besuchte ich vormittags die Schule und arbeitete nachmittags auf dem Feld. In der landwirtschaftlichen Hauptsaison arbeitete ich den ganzen Monat mit Mutter auf dem Feld, und sie brachte mir Ackerbau bei.

Natürlich gab es viele Schwierigkeiten im Leben einer Pächterfamilie. Aber dank der Klugheit und Tüchtigkeit meiner Mutter konnten wir leben. Unsere Beleuchtung bestand aus Tungöl. Wir aßen gekochten Reis, etwas Gemüse, Süßkartoffeln oder Futtergetreide, mit ein wenig Rapsöl als Gewürz. Solche Speisen, die die Grundherren keines Blickes würdigten, wurden von Mutter schmackhaft zubereitet. In guten Jahren konnten wir es uns leisten, uns neu einzukleiden. Die Stoffe wurden auch von uns selbst erzeugt. Mutter spann selbst den Faden und ließ andere den Stoff weben und färben. Wir nannten diesen Stoff ,,einheimisches Tuch“. Er war so dick wie eine Geldmünze und sehr fest, so daß ihn mehrere Menschen nacheinander tragen konnten, bis er verschlissen war.

In unserer arbeitsamen Familie war alles genau geregelt und durchorganisiert. Mein Großvater war ein mustergültiger Bauer, der auch noch auf dem Feld arbeitete, als er über achtzig war. Er brauchte die Arbeit, sonst wäre er krank geworden. Noch kurz vor seinem Tod verrichtete er Feldarbeit. Meine Großmutter war der Organisator unserer Familie. An Sylvester verteilte sie die anstehende Arbeit. Dementsprechend stand meine Mutter jeden Tag als erste auf und kochte. Anschließend, sobald auch Großvater aufgestanden war, verließen alle das Bett. Jeder machte sich dann an die ihm zugeteilte Aufgabe. Einer fütterte die Schweine, einer hackte Holz, ein anderer trug Wasser mit der Tragstange.

Mutter arbeitete hart, doch sie klagte niemals darüber. Sie war sehr verträglich, schlug und schalt uns niemals. Nie stritt sie sich mit anderen. Deshalb vertrugen sich alle gut, Alte und Kinder, Onkel und Tanten, obwohl die Familie so groß war.

Die Armen erregten das Mitleid meiner Mutter — das zeigt ihr einfaches Klassenbewußtsein. Obwohl sie selbst auch nicht reich war, half und kümmerte sie sich um Verwandte, die noch ärmer waren. Sie selbst war sehr sparsam, nur mein Vater rauchte ab und zu und trank manchmal Alkohol. Meine Mutter jedoch verbot uns dies alles. Ihre schlichte Lebensweise und ihre Großherzigkeit berühren mich heute noch tief.

Obwohl die chinesischen Bauern sich in ihr Schicksal fügten, kamen die Katastrophen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts gab es große Dürren. Viele Bauern wurden ruiniert und hungerten. Sie gingen miteinander zu den Gutsbesitzern und zwangen sie, Nahrungsmittel herauszugeben. Ich sah einmal, wie 600 bis 700 Bauern mit ihren Frauen und Kindern, alle ohne Ausnahme, von der sogenannten Regierungsarmee arg verprügelt und niedergemacht wurden. Es war ein großes Blutbad. Das Wehklagen hätte den Himmel erweichen können. Zu dieser Zeit litt auch meine Familie unter Schwierigkeiten. Es gab nur Hirse und Sorghum zu essen und ein ganzes Jahr lang keinen Reis. Im Jahre 1904 wollte uns der Gutsbesitzer dazu zwingen, eine höhere Pacht zu zahlen. Weil wir nicht einwilligten, drohte er gerade an Sylvester, uns das gepachtete Land wegzunehmen und uns aus dem Haus zu weisen. In dieser verzweifelten Lage weinten wir alle und trennten uns noch in dieser Nacht. Danach wohnte meine Familie gezwungenermaßen in zwei Orten. Dadurch hatten wir weniger Arbeitskräfte. Dann gab es noch eine Naturkatastrophe. Wir konnten fast nichts ernten. Dies war für meine Familie sehr schlimm. Doch meine Mutter verlor die Hoffnung nie, verstärkt hielt sie zu den armen Bauern und lehnte die Reichen ab. Was Mutter mir traurig in wenigen Worten erzählte und das viele Unrecht, das ich mit eigenen Augen sah, bestärkten mich in meiner Kindheit darin, die Unterdrückung zu bekämpfen. Dadurch kam ich zu dem Entschluß, ein neues Leben zu suchen.


Tschu Teh im Jahre 1922 während seiner Studienzeit in Deutschland

Tschu Teh im Jahre 1922 während seiner Studienzeit in Deutschland


Im Jahre 1934 nahm Genosse Tschu Teh am Langen Marsch der Chinesischen Koten Arbeiter-und-Bauern-Armee teil. Das Foto zeigt ihn danach im Jahre 1936 in Nordschensi.

Im Jahre 1934 nahm Genosse Tschu Teh am Langen Marsch der Chinesischen Koten Arbeiter-und-Bauern-Armee teil. Das Foto zeigt ihn danach im Jahre 1936 in Nordschensi.


Im Jahre 1937, als der Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression begonnen hatte, war Genosse Tschu Teh Oberbefehlshaber der Achten Route-Armee. Hier redet er in Yenan vor den Kämpfern und Kommandeuren der Achten Route-Armee.

Im Jahre 1937, als der Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression begonnen hatte, war Genosse Tschu Teh Oberbefehlshaber der Achten Route-Armee. Hier redet er in Yenan vor den Kämpfern und Kommandeuren der Achten Route-Armee.

Einige Zeit später verließ ich meine Familie und besuchte die Schule. Ich bin ein Sohn aus einer Pächterfamilie. Eigentlich hätten wir das Schulgeld nicht zahlen können, doch der Unterdrückung durch die Grundherren und der Gewalttätigkeiten der Gerichtsboten wegen entschlossen sich meine Eltern, an Essen und Kleidung zu sparen, um so einen Menschen mit Bildung in der Familie auszubilden und damit gegen die Tyrannei der Gutsbesitzer und Beamten kämpfen zu können.

Ich besuchte zunächst eine Privatschule und beteiligte mich im einunddreißigsten Regierungsjahr (1905) des Kaisers Guanghsü der Tjing-Dynastie an der kaiserlichen Prüfung[注释2]. Später ging ich noch nach Schuntjing und Tschengdu studieren. Alle Schul- und Studiengebühren, insgesamt mehr als 200 Silberdollar, waren geliehen und wurden erst ganz zurückgezahlt, als ich schon Brigadekommandeur der Staatsverteidigungs-Armee[注释3] war.

Im vierunddreißigsten Regierungsjahr (1908) des Kaisers Guanghsü der Tjing-Dynastie kam ich von Tschengdu zurück und gründete im Kreis Yilung eine Grundschule. Ich besuchte meine Mutter zwei- oder dreimal im Jahr. Damals verschärften sich die Widersprüche zwischen dem neuen und dem alten Denken. Angeregt durch die neuen Wissenschaften und die demokratischen Ideen wollten wir unsere Heimat ändern. Die konservativen Lokaldespoten stellten sich uns entgegen. Ich beschloß, hinter dem Rücken meiner Mutter, die Familie zu verlassen und nach Yünnan zu fahren. Ich schloß mich der ,,Xin Jun“ (Neuarmee)[注释4] und der ,,Tong Meng Hui“ (Liga der Chinesischen Revolution)[注释5] an. In Yünnan erfuhr ich brieflich, daß meine Mutter nicht nur mein Verhalten billigte, ja sie ermutigte mich sogar.

Nach dem ersten Regierungsjahr (1909) des Kaisers Hsüantung der Tjing-Dynastie kam ich nur noch einmal nach Hause, und zwar 1921, als ich meine Eltern von dort abholte. Aber sie waren so sehr an die Arbeit gewöhnt und verließen so widerstrebend das Ackerland, daß sie schließlich doch wieder zurückkehrten. Vater starb unterwegs, und Mutter arbeitete nach der Rückkehr weiter bis an ihr Lebensende.

Parallel zur Entwicklung der chinesischen Revolution wandelte sich auch meine Einstellung. Als ich den richtigen Weg der chinesischen Revolution erkannte, wurde ich Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas. Die Große Revolution[注释6] erlitt eine Niederlage. Danach hatte ich gar keine Beziehungen mehr zu meiner Familie. Meine Mutter ernährte allein die ganze Familie mit zwei Hektar Ackerland. Erst zu Beginn des Widerstandskriegs gegen die japanische Aggression konnte ich wieder mit meiner Familie Briefe wechseln.

Die Mutter verstand unsere Sache und hoffte auf die Verwirklichung der chinesischen nationalen Befreiung. Sie wußte um die schwierige Lage unserer Partei, blieb zu Hause und führte ein kümmerliches Leben. In sieben Jahren schickte ich Mutter ein paar hundert Silberdollar und mehrere Fotos von mir. Die Mutter war inzwischen alt geworden. Sie dachte immerzu an mich, so wie ich auch an sie. Letztes Jahr bekam ich einen Brief von meinem Neffen. Darin hieß es: ,,Großmutter ist dieses Jahr schon 85 Jahre alt. Sie ist nicht mehr so leistungsfähig wie im letzten Jahr und ihr Befinden ist auch nicht mehr so gut wie früher. Sie hofft, Dich mal wiederzusehen, um sich mit Dir über vieles zu unterhalten. . .“

Aber damals setzte ich gerade meine ganze Kraft für die Sache des Nationalen Widerstandskrieges ein und konnte so der Hoffnung meiner Mutter nicht entsprechen.

Das Besondere an meiner Mutter war, daß sie ihr Leben lang arbeitete. Kurz vor meiner Geburt stand sie noch am Herd und kochte. Bis ins hohe Alter liebte sie die Arbeit. In einem anderen Brief von meinem Neffen hieß es: ,,Jetzt im hohen Alter geht es meiner Großmutter gesundheitlich nicht mehr so gut wie im vorigen Jahr, aber sie hört nicht auf zu arbeiten und widmet sich jetzt dem Spinnen von Baumwollgarn. . .“

Ich verdanke meiner Mutter, daß sie mich lehrte, Schwierigkeiten zu überwinden. In unserer Familie erlebte ich viele Schwierigkeiten. Dadurch fand ich in den über 30 Jahren revolutionären und militärischen Lebens nichts zu schwierig und hatte keine Angst vor Problemen. Von Mutter habe ich meinen kräftigen Körper und eine tüchtige Gesundheit. Mutter gewöhnte mir an, fleißig zu arbeiten. So verspüre ich niemals Müdigkeit.

Meiner Mutter verdanke ich ferner, daß sie mich in der Produktion unterwiesen und im revolutionären Geist erzogen hat. Dadurch schlug ich den revolutionären Weg ein. Während ich diesen Weg ging, sah ich Tag für Tag ein, daß nur Produktionswissen und dieser revolutionäre Geist wertvolle Güter auf der Erde darstellen.

Nun war Mutter für immer von uns gegangen. Ich werde sie nie mehr wiedersehen. Für meine große Trauer gibt es keinen Trost. Mutter war nur eine einfache Frau, eine von Millionen Werktätigen Chinas, die aber letztlich die Geschichte Chinas machten und machen werden. Wie kann ich Mutters Gunstbeweis wiedergutmachen? Ich werde weiter unserer Nation, unserem Volk und der KPCh — der Hoffnung unseres Volkes — die Treue halten, um so ein glückliches Leben für Menschen, die wie meine Mutter leben, zu ermöglichen. Dies kann ich machen, und dies werde ich bestimmt machen.

Möge meine Mutter in Frieden ruhen!


[注释1]
Die Verhältnisse im alten China waren für das Volk so schrecklich und ausweglos, daß man sich öfters gezwungen sah, die eigenen Kinder zu töten, um so selbst überleben zu können.

[注释2]
Kaiserliche Prüfung ist ein feudales Prüfungssystem zur Beamtenwahl.

[注释3]
1915, als Yüan Schi-kai, ein Bürgerkriegsgeneral der Beyang-Clique, das Kaisertum wiederherstellte, organisierten Tsai Ör (1882—1916) und andere eine Staatsverteidigungs-Armee zum Kampf gegen Yüan.

[注释4]
Xin Jun waren Neue Armeen, die nach dem Chinesisch-Japanischen Krieg 1895 gebildet worden waren. Die Regierung der Tjing-Dynastie stützte sich auf die von Yüan Schi-kai geleitete Beyang-Neuarmee als Zentralarmee und auf die Neuarmeen in den Provinzen als örtliche Truppen, um die gefährdete Feudalherrschaft zu festigen. Aber durch die Aktivitäten der Mitglieder der Revolutionspartei entwickelten sich die Provinzneuarmeen zu einer revolutionären Hauptkraft, wodurch im Jahre 1911 in der Hsinhairevolution die feudale Herrschaft gestürzt wurde.

[注释5]
,,Tong Meng Hui“ ist eine bürgerliche Revolutionspartei, die Sun Yat-sen (1866—1925) 1905 gründete. 1911 leitete diese Partei die Hsinhairevolution, stürzte die Herrschaft der Tjing-Dynastie (1644—1911) und baute die Chinesische Republik auf.

[注释6]
Die Große Revolution ist der Erste Revolutionäre Bürgerkrieg (1924—1927).

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